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Tagung zu Animationsformaten für Kinder: Spotlights

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Unter dem Titel „Animations & Games for Kids: Charaktere, Welten, Formate und Plattformen“ lud die Hochschule Darmstadt am 16. und 17. Oktober zu Vorträgen auf dem Mediencampus in Dieburg

Der Austausch zwischen Repräsentanten der Industrie einerseits und Studierenden des Studiengangs Animation & Game sollte im Zentrum der Tagung stehen, wie Professor Will Weber einführend erläuterte.

Hierfür konnten hochrangige Sprecher gewonnen werden: Dr. Irene Wellershoff vom ZDF machte den Anfang. Die Leiterin der Redaktion „Fiktion Kinder und Jugend“ zeichnet unter anderem für die Entwicklung der bekannten Kindersendung Siebenstein verantwortlich. Wellershoff berichtete über Animationen und Games in der ZDF-Kinderredaktion, sie betonte, dass Animationsserien – wie andere Formate auch – zielgruppengerecht gestaltet sein müssten, um für die Ausstrahlung in Frage zu kommen. Vieles, das dem Sender angeboten würde, sei zwar gut animiert, aber nicht kindgemäß, betonte sie. Anhand der erfolgreichen Serie Jonalu, einer ZDF-Eigenproduktion für Kleinkinder, erläuterte sie, dass Erzähltempo und -struktur an die Bedürfnisse und kognitiven Voraussetzungen der anvisierten Altersgruppe angepasst sein sollten. Sie machte darauf aufmerksam, dass Deutschland strukturell im Nachteil sei, was Animation angehe, da dieser Bereich in anderen Ländern deutlich besser gefördert würde. Als Beispiel für ein Online-Spiel in der Internetpräsenz des ZDF stellte Frau Wellershoff das Game zu der Animationsserie Die wilden Kerle vor, welche wiederum aus den Büchern und Filmen hervorgegangen ist. Transmediales Erzählen also, ausgehend von einem traditionellen Printformat (siehe auch das Transmedia-Manifest, erarbeitet im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2011).

Anders das Konzept, das von Sebastian Mittag und Anika Soisson von Studio Fizbin und Matthias Drescher vom Film und Fernseh-Labor Ludwigsburg vorgestellt wurde: Bei The Inner World bildet eine sogenannte „IP“ die Grundlage. IP steht für Intellectual Property, also geistiges Eigentum, und meint im Kontext des transmedialen Erzählens ein Konzept, auf dem die verschiedenen medialen Produkte basieren. Dies kann einer literarischen Vorlage entstammen, kann aber auch – wie bei The Inner World – ein eigens für das transmediale Erzählen entwickeltes Szenario sein. Das Inner-World-Team entwarf, beruhend auf einem Konzept einer fiktiven Welt mit ausgearbeiteten Charakteren, parallel ein Spiel und eine Fernsehserie, die sich inhaltlich ergänzen. Man mag kritisch anmerken, dass bei einem solchen Vorgehen die zukünftige kommerzielle Verwertung (etwa in Form von Merchandising) den kreativen Prozess beeinflusst. Allerdings hob das Team hervor, dass eine gute Geschichte das Herz des Konzepts bilden müsse, damit es funktioniere. Bei der Vermarktung von The Inner World zeigte sich der Kampf um „Screentime“ als Herausforderung: Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass Fernsehen und Videospiel um die Zeit konkurrieren, die Konsumenten vor einem der beiden Bildschirme verbringen. Ein von vorneherein medienübergreifendes Angebot ist den jeweiligen Branchen dementsprechend schwer anzupreisen, berichteten die Referenten. Das gedruckte Wort spielt jedoch auch bei diesem vorrangig auf audiovisuelle Medien ausgelegten Projekt eine Rolle: Es wird angestrebt, The Inner World-Geschichten in Buchform zu veröffentlichen.

Ein signifikanter Teil des Fernsehangebots für Kinder wird von SuperRTL ausgestrahlt, darunter viele geschlechtsspezifisch wirkende Animationsserien. Wer aber meint, die Barbie-Filme beispielsweise seien nur etwas für Mädchen, liegt falsch. Karen Mitrega, Redaktionsleiterin des Daytime-Programms von SuperRTL, überraschte mit Statistiken, die zeigen, dass  die Aufteilung der männlichen und weiblichen Zuschauer oft relativ ausgeglichen ist.

Programminhalte kauft der Sender größtenteils aus dem englischsprachigen Ausland (USA, Kanada, UK, Australien) und Frankreich, berichtete Mitrega, und nannte als Grund dafür das ähnliche Storytelling. Etwa 30% der gesendeten Inhalte kamen bisher von Disney, dies wird sich jedoch in naher Zukunft drastisch ändern:  Ab 2014 wird der Disney Channel im Free TV verfügbar sein, weshalb SuperRTL keine Disney-Produkte mehr ausstrahlen wird. Die Programmlücke wird dann Disney-Konkurrent Dreamworks füllen (hier ein Bericht dazu), vor allem mit Spin-Offs der Kinohits von Dreamworks.

Mitrega verdeutlichte, dass der Redaktion generell ein sehr großes Angebot zur Verfügung steht. Aus Hunderten von Konzepten und Serien, die der Sender im Jahr angeboten bekommt, können letztlich nur 10 bis 15 Formate ausgewählt werden.

Die Vorträge der Tagung lenkten den Blick auf den Wandel des transmedialen Geschichtenerzählens: Das Entwickeln audiovisueller Medien wie Filme, Hörspiele, Videospiele und Online-Angebote zu literarischen Grundlagen ist längst nicht mehr das einzige Szenario. Daraus ergeben sich spannende Fragen für die Literaturwissenschaft: Inwiefern unterscheiden sich Medienverbundangebote, die auf reine IP-Konzepte zurückgehen, von jenen, die eine literarische Grundlage haben? Wie wird sich die Rolle von Kinderbuchautoren verändern, wenn immer mehr Wert auf Markenbildung und die potenzielle mediale Verwertung literarischer Stoffe gelegt wird? Kann Literatur überhaupt noch separat betrachtet werden, oder muss die Literaturwissenschaft vielmehr grundsätzlich zur Medienwissenschaft werden?

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