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Komm, lieber Mai …

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Das heute als “Komm, lieber Mai und mache” bekannte Lied vertonte Wolfgang Amadeus Mozart 1791 unter dem Titel “Sehnsucht nach dem Frühlinge”. Dieser Vertonung ist zu verdanken, dass das Gedicht “An den May” von Christian Adolf Overbeck aus dem Jahr 1776 sich noch heute einer gewissen Bekanntheit erfreut.
Die Melodie ähnelt mit ihrem aufwärts gerichteten Dur-Dreiklang einem sehnsuchtsvollen Strecken nach den Vogelstimmen und Veilchen des Maies. Das lyrische Ich, das sich im Text nach dem Frühling sehnt, ist Frizchen.
Dass der kleine Junge seinen Gedanken und Sehnsüchten hier freien Lauf lässt, ist keinesfalls selbstverständlich. Vielmehr handelt es sich bei diesen und weiteren Gedichten der Sammlung Frizchens Lieder um die ersten Gedichte, in denen sich eine kindliche Ich-Figur subjektiv ausspricht – und ist damit ein früher Vorläufer der antiautoritären Kinderliteratur. Ende des 18. Jahrhunderts war Kindern jedoch eine solch unverblümte Direktheit nicht gestattet, weshalb Overbeck das Mai-Gedicht ausdrücklich nicht für Kinder empfiehlt, sondern für Erwachsene.

An den May

Komm, lieber May, und mache
Die Bäume wieder grün,
Und laß mir an dem Bache
Die kleinen Veilchen blühn!
Wie möcht’ ich doch so gerne
Ein Blümchen wieder sehn!
Ach lieber May, wie gerne
Einmal spaziren gehn!

In unsrer Kinderstube
Wird mir die Zeit so lang;
Bald werd ich armer Bube
Für Ungeduld noch krank.
Ach, bey den kurzen Tagen
Muß ich mich oben drein
Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleissig seyn.

Mein neues Steckenpferdchen
Muß jetzt im Winkel stehn,
Denn draußen in dem Gärtchen
Kann man für Schnee nicht gehn.
Im Zimmer ists zu enge
Und stäubt auch gar zu viel,
Und die Mama ist strenge,
Sie schilt aufs Kinderspiel.

Am meisten aber dauret
Mich Lottens Herzeleid;
Das arme Mädchen lauret
Auch auf die Blumenzeit.
Umsonst hohl’ ich ihr Spielchen
Zum Zeitvertreib heran;
Sie sitzt in ihrem Stühlchen,
Uns sieht mch kläglich an.

Ach, wenns doch erst gelinder
Und grüner draussen wär!
Komm, lieber May, wir Kinder
Wir bitten gar zu sehr!
O komm, und bring vor allem
Uns viele Rosen mit;
Bring’ auch viel Nachtigallen,
Und schöne Kukuks mit!

Christian Adolf Overbeck: Frizchens Lieder. Hamburg 1781, 19-21

Weiterführende Informationen zu Gedicht und Vertonungen auf www.liederlexikon.de
Im Rahmen des “Volkslieder”-Projekts kann man das Lied auf Zeit Online anhören.

(lis/kw)

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