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“Geschichte ist immer gegenwärtig”

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Mutige Menschen. Widerstand im Dritten Reich von Christian Nürnberger

Was sagen historische Daten, Tatsachenberichte und zusammengetragenes Faktenwissen über Personen und Ereignisse aus? Wenig über persönliche Entwicklungen, Haltungen, Beweggründe und Zusammenhänge. Christian Nürnberger hat sich dieser beider Felder angenommen, sie verknüpft und in seinem Buch zwölf „Mutige Menschen“ und deren „Widerstand im Dritten Reich“ beschrieben. Es ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 in der Sparte Sachbuch nominiert und folgt auf das Buch des Autors Mutige Menschen für Frieden, Freiheit und Menschenrechte.

So unterschiedlich die Beweggründe der Widerstandskämpfer und deren Motive für den Widerstand auch sind, sie eint der Wille, sich gegen das nationalsozialistische Herrschaftsregime aufzulehnen, und sie eint der Mut, ihren Widerstand möglicherweise mit dem Preis ihres Lebens zu bezahlen. Durch die von Nürnberger getroffene Personenwahl ist es möglich, unterschiedliche Formen des Widerstandes kennenzulernen und es wird deutlich, dass Widerstand unabhängig von Rang oder Befugnis ausgeübt werden kann. Da gibt es den zivilen, den militärischen, den organisierten Widerstand größerer Verschwörergruppen und den einzelner Personen. Mit Dietrich Bonhoeffer, Claus von Stauffenberg, Helmuth James von Moltke, Georg Elser, Sophie Scholl, Mildred Hartnack, Fritz Kolbe, Janusz Korczak, Irena Sendler, Willy Brandt, Robert Havemann und Martin Niemöller hat der Autor bekannte und weniger bekannte Widerstandskämpfer ausgewählt.

Einer jeden Widerstandsbiographie werden die wichtigsten biographischen Stationen in Stichpunkten vorangestellt. Eine kleine Illustration der Person wie auch die Typografie des Buches tragen nicht zu einer ästhetisch gelungenen Aufmachung bei. Ein Literaturverzeichnis ergänzt den Band. Dieses bietet Vorschläge zur vertiefenden Lektüre zur Geschichte und Vorgeschichte des Dritten Reiches sowie zu jedem der beschriebenen Widerstandskämpfer.

Der Autor hat ein großes Interesse daran, persönliche Zugänge zu den Widerstandskämpfern zu finden und deren innere Entwicklung nachzuzeichnen. Er hebt und senkt den Blick zwischen den Einzelschicksalen und dem sie umgebenden Zeitgeschehen in ständigem Wechsel. Wenn es um die Beschreibung der inneren Beweggründe der Widerstandskämpfer geht, fragt man sich zuweilen: Wie kann Nürnberger das wissen? Hintergrund der zwölf Porträts ist jeweils das, was die einzelnen Widerstandskämpfer dazu veranlasst hat, Widerstand zu leisten, die Schilderung deren individueller innerer Konsequenz, die eine Folge der sie umgebenden Verhältnisse und der Einschätzung der äußeren Ereignisse ist. Dadurch, dass so ein Weg hin zum aktiven Widerstand durchaus länger dauern kann, dass auch Um- oder Irrwege gegangen werden und dabei auch inkonsistentes Verhalten zutage treten kann, tritt die geschilderte Person aus dem Kreis der reinen Geschichtshelden in Büchern heraus und wird dem Leser näher und vertrauter. Und genau das ist Nürnbergers Anliegen. Er lässt den Leser nicht mit der Lektüre eines Buchs über Widerstandskämpfer in Ruhe – auch wenn das durchaus schon durch die genauen Persönlichkeitsbeschreibungen und die reichhaltige Vermittlung historischen Wissens interessant genug wäre. „Die Vergangenheit vergeht nicht“ – die Brücke in die Gegenwart baut Nürnberger im letzten Kapitel. Wie hätte man sich selbst unter solchen Umständen verhalten, wie würde man sich heute verhalten? Zurückliegendes gehört nicht einer versunkenen Zeit an. Es ist auch nicht abgeschlossen, nur weil es bequem wäre, es aus einer vermeintlichen heutigen Distanz heraus als abgeschlossen zu betrachten. „Nichts kommt von selbst“. Mit diesen Worten Willy Brandts appelliert Nürnberger, das kostbare Gut Demokratie zu verteidigen.

Nürnberger, selbst Nachkriegsgeborener (*1951), ist zuzuschreiben, dass er in diesem Buch kein pädagogisches Versteckspiel spielt. Ob er jugendliche Leser überzeugt, mit Sätzen wie: „Sie [die Demokratie] kann schon in Gefahr geraten allein dadurch, dass zu viele iPod-verstöpselte Ohren zur Abschaltung der Köpfe führen. Sie kann in Gefahr geraten, wenn zu viele Köpfe in Chatrooms, in Facebook, in Computerspielen, vor der Glotze und am Handy hängen und keine Zeit mehr bleibt, sich darüber zu informieren, was eigentlich los ist in der Welt.“? Es könnte sein, dass junge Leser der Meinung sind, dass sich das nicht ausschließen muss. Die zwölf Personenbeschreibungen sind so informativ, eindringlich und berührend, dass es solcher gut gemeinter anschließender Appelle des Autors nicht mehr bedarf. Damit ist auch das Nachwort von Petra Gerster, Fernsehjournalistin und Ehefrau Nürnbergers gemeint. Ein Glossar hätte diesem Jugendsachbuch allerdings gut gestanden. Der Spannungsbogen, der über die lange Strecke der zwölf Porträts hochgehalten werden konnte, führt gegen Ende also leider wieder nach unten.

Linde Storm

Christian Nürnberger:
Mutige Menschen
Widerstand im Dritten Reich
Nachwort von Petra Gerster
Mit Illustrationen von Katharina Bußhoff
Stuttgart, Wien: Gabriel Verlag (Thienemann Verlag GmbH) 2009
304 Seiten, 14,90 € (D)
Auch erhältlich als Schulausgabe (Broschur) zum Preis von 9,95 €
Empfehlung des Verlags: Ab 13 Jahren
Empfehlung des DJLP: Ab 12 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, Sparte Sachbuch

Interview mit Christian Nürnberger

Ein Kommentar

  1. Unkenntnis über und Verachtung der Zielgruppe

    Es geht um den folgenden, in der Rezension zitierten Satz des Autors Christian Nürnberger aus dem Nachwort von “Mutige Menschen”:

    „Sie [die Demokratie] kann schon in Gefahr geraten allein dadurch, dass zu viele iPod-verstöpselte Ohren zur Abschaltung der Köpfe führen. Sie kann in Gefahr geraten, wenn zu viele Köpfe in Chatrooms, in Facebook, in Computerspielen, vor der Glotze und am Handy hängen und keine Zeit mehr bleibt, sich darüber zu informieren, was eigentlich los ist in der Welt.“

    Aus diesem Zitat spricht nicht nur große Unkenntnis über die Zielgruppe, sondern meiner Meinung nach auch eine Verachtung junger Menschen vonseiten des Autors. Indem er den Mediengebrauch der Zielgruppe pauschal anprangert, glaubt er die Demokratie schützen zu müssen. Eine solche Sicht finde ich, zumal wenn man für junge Menschen schreibt, höchst fragwürdig.

    Nürnberger scheint damit nicht allein zu stehen. Auch in der Rezension von “Die nächste GENeration” (http://juvenil.eu/2010/kerner-generation/) wird deutlich, dass die Herausgeberin Charlotte Kerner eine ähnliche Haltung an den Tag legt.

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